Ich brauche eine Waschmaschine, einen Kachelofen und ein paar Wollsocken.
Alles an mir muffelt, sowohl meine Klamotten, als auch ich selber, dafür bin ich jetzt in Norwegen. In Lerwick, auf den Shetlands, hatte zwei Dänen in meinem Alter hinter uns gelegen und als ich ihnen erzählte, dass ich nach Norwegen wolle, haben sie mir gleich angeboten mit ihnen zu fahren. In einer ziemlich spontanen Hau-Ruck-Aktion räumten sie ihre Grace 30 – lang, aber unendlich schmal – um und ich kramte meine Sachen auf der Hei-Jo zusammen, die sich in den letzten drei Wochen in jedem Winkel des Schiffes niedergelassen hatten. Und am nächsten Morgen noch vor Sonnenaufgang ging es los.
Mal wieder kannte ich die Jungs nicht, zu denen ich auf das Boot gestiegen war, doch trug der Eine eine bunt gepunktete Hose und der andere versuchte Akkordeon zu lernen – also mussten sie einfach nett sein.
Und so war es auch – Don, ein arbeitswütige Ex-Ölhändler, der nach seiner eigenen Aussage seine rebellische Pupertätsphase nachholen wollte und Morten, ein tiefenentspannte Musiker, der aus Mangel an Erfahrung im Sturm nicht wusste, dass er Angst zu haben hat und auf seinem rechten Unterarm ein Pin-Up-Girl tätowiert trägt, das ein Schild mit dem Namen seiner Band hält - beide 24.
Diese beiden also hatten sich ein neues Wachsystem überlegt, das sie gerne ausprobieren wollten, wodurch sie mein Angebot, eine Wache zu übernehmen, dankend ablehnten: ich könne auf dem Schiff machen, was ich wolle und schlafen gehen wann ich wolle. So verbrachte ich die zweieinhalb Tage Überfahrt je nach Wetter draußen oder unten und erzählte mit dem, der gerade das Ruder hielt, las in meinem schlauen Philosophie-Buch oder machte einfach gar nichts.
Die beiden Dänen hatten sich fünf Wochen ihrer Semesterferien genommen und waren zu der ersten Seereise ihres Lebens aufgebrochen. Für Don, dem das Schiff gehört, war es nur die erste längere Fahrt, für Morten aber war es das erste Mal Segeln überhaupt. Umso mehr war ich davon beeindruckt, wie schnell er all das gelernt haben musste. Es war ein durchaus amüsanter Gedanke, dass ich nun der alte „erfahrene“ Seebär auf dem Schiff war. Aber noch amüsanter war, wie sie einige Dinge aus Unwissenheit einfach selbst geregelt hatten. Das Reff wurde in einer abenteuerlichen Weise um das Großsegel gewickelt und sie navigierten frei Schnauze nach einem Kompasskurs, den sie einmal am Tag von einem Auto-Navigationsgerät ablasen. Diese unkonventionelle und unkomplizierte Art zu Reisen und zu Leben hatte mir gefehlt.
Aber noch mehr hatten sie auf ihre ganz eigene Art geregelt. So schwebte der Kochtopf etwa eine Handbreit über einer wackeligen Benzinkocher-Flamme, gehalten durch fünf verschiedene dünne Schnürchen. Aus praktikablen Gründen war Reis mit Ketch-Up zu ihrer Lieblingsspeise geworden und zum Frühstück gab es für jeden eine Dose Thunfisch.
Auch mit dem Wetter hatten wir im Großen und Ganzen Glück. Am Anfang sah es so aus, als würde es nie wieder aufhören zu regnen und ich saß unter Deck und versuchte irgendwie meine Füße warm zu bekommen, was aufgrund der hohen Luftfeuchtigkeit aber nahezu unmöglich war.
Nach und nach besserte es sich aber und mit angenehmem Wind von hinten und Sonne liefen wir letztendlich in Stavanger, Norwegen ein. Dass sich Wetter aber so schnell ändern kann, habe ich noch nie erlebt. Innerhalb von Sekunden wechselte die wärmste Sonnenschein zu einem monsunartigen Regen und ebenso schnell wieder zurück.
Sehr zu empfehlen ist übrigens Mortens Band, in der er Bass spielt: Workers in Song (www.myspace.com/workersinsongs).

